Seit fünfeinhalb Jahren lebe ich nun hier in Deutschland, und meine Reise des Deutschlernens war ein Auf und Ab der Emotionen und Herausforderungen. Als ich hier ankam, war Deutsch für mich eine verschlossene Tür – hinter jeder lauerte ein Drache, vor dem ich Angst hatte. In der Schule, wo alle auf Deutsch sprachen, blieb ich auf Englisch hängen, unsicher und zurückhaltend. Deutsch schien eine unüberwindbare Sprachbarriere zu sein, und ich gab auf, bevor ich überhaupt richtig angefangen hatte.
Ein Jahr lang versuchte ich mich erfolglos im Deutschunterricht. Mein Sprachlehrer gab sich alle Mühe, mir die Grundlagen beizubringen, aber die immense Sprachunterschiedlichkeit zwischen Deutsch und meiner Muttersprache Farsi war einschüchternd. In der neunten Klasse fühlte ich mich zunächst unbehaglich und unsicher. Alle redeten auf Deutsch, und ich verstand nichts. Die deutsche Sprache schien meine Träume vom Erfolg in Deutschland zu blockieren und mir den Zugang zu einer Welt voller Möglichkeiten zu verwehren.
Diese Erkenntnis wirkte sich stark auf meine Seele und meinen Geist aus. Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Situation und begann, mich bruchstückhaft auszudrücken. Um meine Sätze besser zu formulieren, tauchte ich tief in die Grundlagen der deutschen Grammatik ein. Früher habe ich Arbeitsblätter Wort für Wort übersetzt, um die Bedeutung der Texte zu erfassen. Die deutsche Sprache stand im krassen Gegensatz zu meiner Muttersprache Farsi, von der Schrift bis zur Satzstruktur.
Die grammatischen Geschlechter im Deutschen waren und sind für mich eine anhaltende Herausforderung. Die deutsche Grammatik mit all ihren Nuancen, den Hilfsverben, der Anpassung von Adjektiven und den verschiedenen Pronomen in der dritten Person Singular war wie ein komplexes Puzzle, das ich erst nach und nach zusammensetzen konnte, denn in meiner Muttersprache kennt man weder Kasus noch Genus oder die Deklination. Die Struktur der Tempora in meiner Muttersprache unterscheidet sich von der im Deutschen. So ist das Perfekt, also die vollendete Gegenwart, in Farsi nicht bekannt. Im Gegensatz zu Farsi, das in arabischer Schrift geschrieben wird, wird Deutsch in lateinischer Schrift geschrieben. Dass in meiner Sprache von rechts nach links geschrieben und gelesen wird, war für mich noch die geringste Schwierigkeit.
Es war die deutsche Literatur, die meine Neugier auf diese völlig andere Sprache größer werden ließ. Während der 10. Klasse weckte nämlich das Buch „Jugend ohne Gott“ von von Horvath mein Interesse an deutscher Literatur. Das war einer der Gründe, warum ich Deutsch als Leistungskurs wählte. Es war nach Ansicht einiger Lehrer keine kluge Entscheidung, aber meine Entscheidung, die auf Interesse an deutscher Literatur basierte. Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Je mehr ich mich mit der deutschen Sprache auseinandersetzte – sei es durch Schreiben, Lesen, Hören oder Sprechen – desto besser wurde ich. Deutsch zu lernen ist für mich ein lebenslanger Prozess. Ob ich eines Tages perfekt Deutsch sprechen kann, bleibt ungewiss.
Seit mehr als fünf Jahren in diesem Land kann ich nun ohne die Hilfe der englischen Sprache sprechen, aber perfektes Deutsch beherrsche ich immer noch nicht. Aber die Reise des Deutschlernens hat mich geprägt, mich wachsen lassen und mir einen Einblick in eine reiche Sprach- und Kulturlandschaft verschafft. Meine Hoffnung, beruflich erfolgreich zu sein und meinen Weg gehen zu können, wird größer.

Ein Gedanke zu “Ein Farsi-Märchen mit vielen grammatischen Drachen”